Vom „es sich leisten können“

Pastamaniac: Portrait Sabine Sikorski

„Aber du kannst es dir doch leisten!“, ist eine Aussage, die ich oft zu hören bekomme, wenn ich ein zweites Stück Kuchen ablehne, die Schokolade nicht nehme, weil ich „heute schon was Süßes hatte“, auf Chips verzichte oder nicht aufesse, weil ich satt bin.

Es stimmt, in den Augen der meisten Menschen kann ich mir Essen leisten. Nicht im finanziellen Sinn, sondern auf die Figur bezogen. Wenn es um Essensmengen geht, habe ich großes Glück, das kann ich nicht anders sagen. Bis ich 25 war konnte ich alles essen was ich wollte:

Zweites Frühstück?  Natürlich!
Mittagessen?  Bitte die große Portion!
Nachmittags ein Stück Kuchen?  Gerne auch zwei!
Um 18 Uhr nach Hause kommen, kochen und trotzdem um 21 Uhr noch Brote zum Abendessen essen?  Kein Problem!
Mitternachtssnacks oder Fressorgien mit den Freunden mitten in der Nacht nach dem Feiern?  Da schmeckt’s am Besten.

Als ich 25 wurde, bemerkte ich etwas, das ich nur aus Erzählungen von Freunden und Bekannten kannte: Ich fing an, zuzunehmen. Und zwar so, das man es sehen konnte. Also tat ich etwas dagegen: Ich änderte meine Ernährung.

Genießen, nicht kasteien


Ich esse immer noch meist 5x am Tag. Doch statt dicker Brote gibt es als zweites Frühstück Quark oder Joghurt mit Früchten. Nachmittags anstelle des Kuchens meistens wieder Obst, abends gibt es ein Abendessen, nicht zwei. Auch bei den Getränken habe ich mich umgestellt. Tee trinke ich nur noch ungesüßt, die mittlerweile seltsam anmutende Liebe zur pappsüßen Sprite wurde durch eine viel intensivere Liebe zu stillem Wasser ersetzt (wofür ich übrigens viel Spott ernte, aber das ist ein eigenes Thema).

Und trotzdem genieße ich Essen und kasteie mich nicht. Wenn ich Lust auf Kuchen habe, esse ich ihn. Süßigkeiten? Klar, immer noch, nur nicht jeden Tag. Verzicht? Im Gegenteil. Wenn ich möchte, esse ich alles, worauf ich Lust habe. Das hat auch nichts mit sogenannten Cheat Days zu tun, ein ganz seltsames Phänomen übrigens. Es bedeutet viel mehr, bewusst zu essen, auf meinen Körper zu hören und auf das, was er braucht. Manchmal ist das halt eine große Tafel Schokolade, meistens aber gesunde Kost und nicht zu viel. Und wisst ihr was: Ich fühle mich gut dabei.

Was ich antworte, wenn mir mal wieder jemand sagt, dass ich es mir doch leisten könne? Ja, das stimmt. Weil ich es mir eben nicht jeden Tag leiste.

 

Fotocredit Titelbild: _Raimund Verspohl Portraits

7 Kommentare

  1. Wer keine Schokolade, Pasta, dicke Wurstbrote, Leberkäs, Pizza und Schweinsbraten isst, hat die Kontrolle über sein Leben verloren! Daher Daumen hoch, Sabine. ✌🏻️👍🏻😉🍻

  2. Schöne Antwort auf einen blöden Kommentar, den merk ich mir! Meistens sage ich als Begründung einfach, dass ich (leider) schon satt bin oder gerade keine Lust auf Süßes habe. Das ist dann zwar nicht zu 100% richtig, aber einfacher als wenn ich anfange mein komplexes Regelwerk fürs Gönnen-aber-in-Maßen zu erklären, das ich selbst nicht so völlig durchblicke 😉 Ich bin nur gespannt ob sich mein Stoffwechsel mit um die 30 auch ändern wird – aufpassen was ich esse muss ich nämlich schon immer, als Kind war ich ziemlich pummelig…
    Liebe Grüße
    Carla

  3. Schön geschrieben! Und wie du sagst, man kann es sich vielleicht gerade deswegen leisten, weil man es sich nicht immer leistet 😉 Schönen Sonntag mit viel Kuchen wünsche ich dir, Steffi

  4. Unterschreibe ich so 😉 Nur weil man dünn ist, muss man doch nicht 3 Stücke Schokoladentorte essen oder weiteressen wenn man schon satt ist. Selbst wenn man davon nicht zunehmen würde (was man halt um die 30 dann doch unweigerlich tut)…
    Liebe Grüße,
    Ela

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