Von Vorurteilen und Essgewohnheiten

Von Vorurteilen und Essgewohnheiten. Selbstportrait

„Nein danke, ich ernähre mich low carb“, sagt er und strahlt mich an. Ich versuche, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten, doch ich fürchte, sie sind bereits entgleist. Wortlos drehe ich mich um. Die Brezn in meiner Hand duftet verführerisch, ich beiße hinein.

„Hast du Ketchup für mich?“ Ich erstarre, der Schöpflöffel mit dem Ratatouille drauf droht meiner Hand zu entgleiten. Wir streiten.

„Käse mag ich nicht. Paprika und Auberginen auch nicht, keine Tomaten, Spinat geht gar nicht, und bleib mir bloß mit Zucchini weg.“ Schade, denke ich. Gerade fand ich dich noch echt süß.

„Ich mag die nicht.“ „Veganerin.“ „Ach, dann ist es ja kein Wunder“, antworte ich und lache.

„Ich esse nur Fleisch, kein Gemüse, kein Brot.“

„Den Burger bitte, aber ohne Brötchen, die passen nicht in meine Paleo-Ernährung.“

„Ich ernähre mich total ungesund und finde das gut.“

„Gibt es das auch ohne Oliven?“ „Nein.“

Hallo, mein Name ist Sabine, und ich habe Vorurteile. Jede Menge sogar. Vorurteile gegenüber Menschen, die sich anders ernähren, als ich es tue. Vorurteile gegenüber denjenigen, die einem Ernährungstrend folgen, der für mich abwegig ist. Low Carb, Vegan, Paleo. Vorurteile, für die ich mich schäme, die ich aber nicht ablegen kann.

Pastamaniac - Von Vorurteilen und Essgewohnheiten. Nackte Füße im Meer am Strand

Die Angst vor dem Fremden


In früheren Zeiten mögen Vorurteile einen Sinn ergeben haben: Fremde konnten Gefahr für Leib und Seele bedeuten, unbekannte Nahrung zu Vergiftungen führen, doch heute? Welchen Zweck erfüllen Vorurteile heute? Müssten wir nicht schon längst weiter sein? Forschungen zeigen, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Gut, dann bin ich also nicht alleine damit, das war mir aber schon klar.

Ist es also die Angst vor dem Fremden? Aber mir ist als Omnivore keine Ernährungsweise fremd: Ich esse bevorzugt vegetarisch, liebe jedoch auch Fleisch. Vegan, klar, oft essen wir sogar vegan, ohne uns dieser Tatsache überhaupt bewusst zu sein. Ungesund, gesund, low carb, high carb, mit, ohne – alles dabei in meiner Ernährung. Seit Kurzem esse ich sogar Fisch, zumindest im Sushi. Fremd sind mir die diversen Ernährungsweisen also nicht.

Ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl habe, dass andere Menschen es besser machen? Vielleicht. Doch nein, ich begrüße zwar den Verzicht auf tierische Produkte, bin der Meinung, wir sollten weniger davon zu uns nehmen, jedoch nicht komplett damit aufhören, und wenn wir es essen, dann soll das Fleisch aus artgerechter Tierhaltung stammen und möglichst regional sein.

Intoleranz? Also „die Haltung, dass man die anderen Meinungen und Lebensweisen anderer Menschen nicht gelten lässt“, wie der Duden es so schön definiert? Wirklich – jeder kann essen was und wie er möchte, auch wenn ich mich darüber lustig mache, und es in meinem Haushalt nie Ketchup zu Ratatouille geben wird.

Was ist es dann?

Es zählt der Umgang damit


Eine wichtige Lektion, die mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat: Vorurteile hat jeder. Es kommt darauf an, wie man mit ihnen umgeht. Heißt, lass deine Meinung über einen Menschen nicht von deinen Vorurteilen beeinflussen. Das ist es, was zählt. Daran versuche ich mich zu halten.

Eins habe ich selbst gelernt: Manchmal dienen Vorurteile auch einfach als Erklärung. Als Erklärung, wenn man etwas nicht erklären kann, aber doch einen Grund braucht. Wenn man jemanden nicht mag, zum Beispiel. Denn – das kommt halt vor – die Veganerin war mir schon unsympathisch, bevor ich etwas über ihre Ernährung wusste. Den Low Carb-Typen hätte ich auch mit einer Stulle in jeder Hand nicht interessanter gefunden, und der Käseverachter? Tja, der ist immer noch sehr süß.

 

Fotocredit Titelbild: _Raimund Verspohl Portraits

3 Kommentare

  1. Oooooch…..ich mag ab und an so ein bisschen Ketchup ganz gerne! 🙂 Als Vegetarier wird man ja quasi ständig mit Vorurteilen konfrontiert….aber ich habe ja auch welche: Gegenüber Leuten, die meiner viel zu viel Obst und zu wenig ungesund essen. Aber meist versuche ich es so zu halten wie Claudia: Leben und leben lassen. 🙂

  2. Wenn wir eines auf unseren fast drei jährigen Reisen unterwegs gelernt haben, dann ist es Leben und leben lassen 🙂 Wir kochen unheimlich gerne und wer mit essen möchte, muss sich halt seinen Ketchup selbst mit bringen…….

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