Schlagwort: Gedankendonnerstag

Ich habe keine Lust

Pastamaniac: Stories - Ich habe keine Lust. Kirschbaum vor blauem Himmel

Ich habe keine Lust. Ich will nicht bloggen, ich will nicht kochen, und ich will keine Pasta essen. Statt Nudeln gibt es Kartoffeln – ganz einfach mit Rosmarin in Olivenöl gebraten. Entweder pur, oder mit Gemüse. Das geht so schnell, dass ich es nicht als kochen bezeichne. Mein Blog liegt still. Der letzte Beitrag ist Mitte April erschienen, jetzt ist Ende Mai. Dabei habe ich mir vorgenommen, jeden Sonntag einen Artikel zu veröffentlichen. Ein Rezept, eine Story, einen Gedanken. Ich habe nichts auf Halde. Nichts ist fertig, nichts ist vorgeplant. Eine lustlose Phase war nicht vorgesehen. Bilder von Rezepten sind da. Bilder, die gut aussehen, zu denen ich aber die Zutaten und die Mengenangaben nicht mehr weiß. Sie stehen irgendwo, ich notiere mir die Mengen bei eigenen Rezepte, will aber nicht nachgucken. Ich habe einfach keine Lust.

Stattdessen möchte ich lauter andere Dinge machen. Und mache sie deshalb auch. Mit einer Freundin habe ich einen Podcast namens Tee-Mosaik angefangen. Wir reden über digitale Themen und was uns sonst noch so beschäftigt, ein buntes Mosaik eben. Dazu trinken wir Tee – auch bei 30 Grad draußen.

Sabine Sikorski Bloggerin München Podcast Tee-Mosaik

Blog Big – oder blog gar nicht?

Mit einer anderen Freundin starte ich was ganz Neues. Eine Konferenz für fortgeschrittene Blogger. Blogger, die den nächsten Schritt gehen wollen, die die Basics können und sich weiterentwickeln möchten. Blogger, die es hinbekommen, regelmäßig zu bloggen und wahrscheinlich alles viel schneller umsetzen, und nicht so lange dafür brauchen, wie ich. Blogger, die Lust haben.
Ich kann kaum glauben, wie weit wir mit der Planung sind, wie viele tolle Speaker uns schon zugesagt haben, dass Sponsoren Interesse zeigen, obwohl die Website noch nicht steht. Ich habe Lust, diese Konferenz voranzutreiben, sie erfolgreich zu machen, Spaß zu haben. Wir planen schon die ersten Events für 2018. Das Ganze begleiten wir mit Podcasts, in denen wir andere Blogger interviewen – und auch hier haben wir die ersten schon aufgenommen und gehen bald live damit. Blog Big – so heißt die Konferenz. Wer mit uns den nächsten Schritt gehen möchte, der sollte sich schon mal Samstag, den 18. November freihalten.

Heute habe ich gekocht. Es gab mal wieder Nudeln. Mit Spargel und Babyspinat, dazu Ziegenkäsenocken. Lecker war’s! Das Rezept habe ich mir selbst ausgedacht. Und endlich – endlich habe ich wieder Lust. Mir zu überlegen, was passt zusammen. Auszuprobieren und mir Zeit dafür zu nehmen. Die Fotos zu machen und gleich zu bearbeiten, das Rezept aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Ich habe wieder Lust – und das macht mich glücklich. Blog gar nicht ist nämlich keine Option. Deshalb schreibe ich diesen Text auch noch auf, weil er mir gerade zufliegt, und ich das ausnutzen muss. Weil ich weiß, dass wieder Phasen kommen werden, in denen ich nicht mag. In denen ich andere Sachen machen möchte und diese dann auch mache. Oder einfach nichts tue, das muss nämlich auch manchmal sein.

Es heißt immer, mach die Dinge, die du gerne machst, dann wirst du nie wieder arbeiten müssen. Schreiben und bloggen macht mir Spaß. Kochen und essen sowieso. Manchmal aber, manchmal habe ich keine Lust. Und das ist okay.

 

 

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Von Konsistenzen

Gedankendonnerstag: Von Konsistenzen - von Menschen, die keine Nudeln mögen. Tagliatellenester auf Holzbrett

„Mein Freund isst keine Nudeln.“ Ich nicke verständnisvoll, rolle innerlich mit den Augen und schweife gedanklich ab, bevor ich mir womöglich die Gründe für seine Low Carb-Ernährung anhören muss.

„Wegen der Konsistenz.“

Äh, was? Jetzt horche ich doch auf, bin ehrlich interessiert und frage nach. Denn: Wie kann man Pasta aufgrund der Konsistenz nicht mögen? Klar gibt es Lebensmittel, die sich im Mund seltsam anfühlen. Haloumi aka Quietschekäse zum Beispiel. Oder Kalbsbries. Oder gar Octopus! Ich sach nur Saugnäpfe…

Aber Nudeln? Wegen der Konsistenz??

Nun, seine Freundin versteht es auch nicht, leidet sogar ein wenig darunter, weil sie Pasta immer alleine essen muss. Ich habe dafür volles und echtes Verständnis, und wir fangen an, über die Großartigkeit von Nudeln zu reden, schweifen ab zu anderen Lebensmitteln, die wir mögen, reden über dies und jenes und haben insgesamt einen tollen Abend.

Auf dem Nachhauseweg geht mir der Konsistenzgedanke nicht aus dem Kopf, und ich fange an, nachzudenken. Denn – ihr werdet es bemerkt haben – ich habe eine Vorliebe für Spaghetti. Andere Nudelsorten kommen auch ab und an auf den Tisch, und tatsächlich gibt es Gerichte, zu denen ich andere Formen bevorzuge, doch Spaghetti sind und bleiben meine Favoriten.

Von Knubbeln und Spiralen


Was ich hingegen gar nicht mag, sind Farfalle. Diese seltsamen Schmetterlinge mit den ausgefransten Rändern und dem dicken Knubbel in der Mitte, diese komische Nudelform, die die ganze Zunge bedeckt, irgendwie eigenartig zu beißen und zu kauen ist, wie ein Fremdkörper. Gleiches gilt für Fusilli aka Spirelli. Dieses gedrehte Etwas, das wie Farfalle angeblich die Sauce am besten annimmt, und sich doch nur ungewohnt im Mund anfühlt, irgendwie falsch, und einem die Lust am Essen nimmt, auf jeden Fall mir, und doch wie Farfalle von so vielen heiß geliebt wird, besonders im Nudelsalat, der ja per se schon ein seltsamer Genosse ist, aber das ist ein anderes Thema.

Nachdem mir klar wird, dass es die Konsistenz besagter Nudelformen ist, also ihre Beschaffenheit und das Gefühl, das sie bei mir im Mund auslösen, wenn ich sie esse, und somit meine Abneigung gegen sie auslöst, wird mir noch etwas klar: Gäbe es auf dieser Welt nur Farfalle und Fusilli, ich würde keine Pasta essen.

Mir schaudert bei dieser Vorstellung, obwohl es draußen noch warm ist, ich laufe schnell heim und danke den Italienern für drölfzig verschiedene Nudelformen, vor allem aber für die Spaghetti.

Von Prinzipien

Gedankendonnerstag: Von Prinzipien. Lebkuchen

Als ich jünger war, hatte ich jede Menge Prinzipien. Prinzipien waren wichtig. Ich tat bestimmte Dinge „aus Prinzip“ oder machte sie genau deshalb nicht. So nutzte ich beispielsweise lange Jahre das Wort „geil“ nicht – und verteidigte diese Haltung vehement.

Mittlerweile habe ich weniger Prinzipien, bin reifer, erwachsener, stärker in meiner Meinung und kann deshalb andere besser zulassen. Brauche weniger Regeln, bin nicht mehr so dogmatisch wie früher. Doch ein paar Dinge gibt es immer noch, die ich aus Prinzip nicht mache. Im Winter Erdbeeren oder Spargel kaufen, zum Beispiel. Oder Lebkuchen im August. Die esse ich nämlich aus Prinzip erst ab dem 1. Advent.

Gedankendonnerstag: Von Prinzipien. Lebkuchen

Der Handel macht uns ja gerne weis, dass der Konsument schon bei 30 Grad und Sonnenschein den Geschmack von Weihnachten im Mund haben möchte. Ich persönlich ziehe eine Wassermelone um die Jahreszeit vor, habe deshalb ab Mitte November oft das Nachsehen, denn meine Lieblingssorte Lebkuchen ist im Supermarkt nicht mehr zu bekommen. Ausverkauft. Weil es immer nur eine bestimmte Menge gibt, und wenn die weg ist, ist die halt weg. Und weil der Konsument anscheinend schon im August nach Lebkuchen verlangt, gibt es zur Adventszeit oft nur noch Restbestände, und meine Lieblingssorte gar nicht mehr.

Prinzipien brechen


Meine Mutter kennt meine Lieblingssorte Lebkuchen. Als ich im September meine Eltern besuchte, wollte sie mir eine Freude machen und hat mir eine Packung gekauft. Ich habe mich gefreut, die Lebkuchen eingesteckt und wusste, dass ich sie vor dem 1. Advent nicht essen werde. Aus Prinzip.

Dann war da dieser Sonntag. Im Oktober. Draußen schien die Sonne, es waren 17 Grad, ein wunderschöner Spätsommertag. Ich lag im Bett und litt ein wenig unter Kopfschmerzen. Litt so sehr, dass ich nicht kochen, mir keine Scheibe Brot machen wollte, aber Hunger hatte und mein grummelnder Magen mich noch ein wenig mehr leiden ließ. Plötzlich war es da. Dieses Verlangen. Ich versuchte, es zu ignorieren. Stand auf, machte mir doch eine Scheibe Brot, aß sie, litt ein wenig weiter, dachte an meine Prinzipien und stand wieder auf. Ging an den Schrank, holte die Packung Lebkuchen raus und aß sie alle auf. Und wisst ihr was: Es war geil!

Gedankendonnerstag: Von Prinzipien. Lebkuchen

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Vom Genießen und alleine essen

Portrait Sabine Sikorski, pastamaniac.de, Credit: _raimund verspohl portraits

„Ne, für mich alleine koche ich nicht. Das lohnt sich nicht.“

„Alleine essen? Das schmeckt irgendwie nicht.“

Aussagen, die ich sehr oft von Freunden und Bekannten höre. Damit sind sie nicht allein. Gibt man „allein essen“ bei Google ein, kommen Beiträge über „Allein essen ist doof, Alleine essen ist wie Masturbation – man ist zwar hinterher entspannt, so recht befriedigt aber nicht“ und zig Posts aus diversen Foren, in denen Menschen darüber schreiben, dass sie nicht gerne alleine essen. Studien besagen, alleine essen mache dick, unglücklich, einsam. Und immer wieder das Thema „genießen“. Alleine kann man sein Essen anscheind nicht genießen. Mindestens zu zweit müsse man sein, damit die Gerichte schmecken. Zutaten sind egal, das Essen selbst spielt keine Rolle, einzig die Anzahl der anwesenden Personen scheint darüber zu entscheiden, ob etwas schmeckt, ob man genießt oder nicht.

Vom genießen. Tisch mit rot-weiß-karierter Tischdecke, Stuhl und Lampe

Credit: unsplash.com/@leeroyagency

Klar, ein schönes Essen mit Freunden, dem/r Partner/in oder im Kreis der Familie macht Spaß. Man redet, lacht, bekommt Komplimente für die Speisen, die man vorsetzt, hat diese vielleicht sogar schon gemeinsam zubereitet. Schön ist das, keine Frage. Nur: Freunde lädt man nicht jeden Tag ein, Essen muss man aber jeden Tag. Deshalb koche ich für mich. Auch allein. Gerade allein!  Denn Erstens muss ich natürlich essen; ich habe Hunger, mein Körper möchte Nahrung, also gebe ich sie ihm. Zweitens wollt ihr ja neue Pastarezepte hier im Blog lesen, also muss ich schon deshalb kochen. Drittens, und das ist viel wichtiger: Tue ich mir etwas Gutes damit und deshalb lohnt es sich auch.

Tut euch was Gutes: Kocht!


Essen ist wichtig. Es macht was mit euch und eurem Körper. Sorgt dafür, dass es euch gut geht, dass ihr stark seid und Energie habt. Hinzu kommt: Kochen, Backen und Essen gehören zu den schönsten Dingen des Lebens. Egal ob allein, zu zweit oder mit mehreren, es lohnt sich immer, für jeden. Deshalb: Kocht, wenn ihr hungrig seid. Macht euch etwas Tolles zu essen, wenn ihr Lust darauf habt. Ein schönes Sandwich? Haut rein! Ein leckerer Salat? Na klar! Bock auf Raclette aber keiner hat Zeit? Dann schmeißt den Raclettegrill nur für euch an. Ein Teller Pasta? Ich kenne da einen Blog mit echt vielen Pastarezepten

Ich esse sehr gerne allein. Ich genieße es, genau das zu kochen, worauf ich Lust habe. Genieße es, zwischendurch zu probieren, vom Essen zu naschen. Muss mir keine Gedanken darüber machen, ob es einer anderen Person zu scharf, zu salzig, zu vegetarisch ist. Ob zu viel Knoblauch am Essen ist oder zu wenig. Kann zum dritten Mal in der Woche Spaghetti mit Tomatensauce kochen. So viel Parmesan drüber raspeln, wie ich möchte.

Das Beste: Wenn es richtig, richtig gut war, schlecke ich den Teller ab. Weil ich es kann. Und dann denke ich: Alleine essen ist echt schön!

 

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Fotocredit Titelbild: _Raimund Verspohl Portraits

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Vom „es sich leisten können“

Pastamaniac: Portrait Sabine Sikorski

„Aber du kannst es dir doch leisten!“, ist eine Aussage, die ich oft zu hören bekomme, wenn ich ein zweites Stück Kuchen ablehne, die Schokolade nicht nehme, weil ich „heute schon was Süßes hatte“, auf Chips verzichte oder nicht aufesse, weil ich satt bin.

Es stimmt, in den Augen der meisten Menschen kann ich mir Essen leisten. Nicht im finanziellen Sinn, sondern auf die Figur bezogen. Wenn es um Essensmengen geht, habe ich großes Glück, das kann ich nicht anders sagen. Bis ich 25 war konnte ich alles essen was ich wollte:

Zweites Frühstück?  Natürlich!
Mittagessen?  Bitte die große Portion!
Nachmittags ein Stück Kuchen?  Gerne auch zwei!
Um 18 Uhr nach Hause kommen, kochen und trotzdem um 21 Uhr noch Brote zum Abendessen essen?  Kein Problem!
Mitternachtssnacks oder Fressorgien mit den Freunden mitten in der Nacht nach dem Feiern?  Da schmeckt’s am Besten.

Als ich 25 wurde, bemerkte ich etwas, das ich nur aus Erzählungen von Freunden und Bekannten kannte: Ich fing an, zuzunehmen. Und zwar so, das man es sehen konnte. Also tat ich etwas dagegen: Ich änderte meine Ernährung.

Genießen, nicht kasteien


Ich esse immer noch meist 5x am Tag. Doch statt dicker Brote gibt es als zweites Frühstück Quark oder Joghurt mit Früchten. Nachmittags anstelle des Kuchens meistens wieder Obst, abends gibt es ein Abendessen, nicht zwei. Auch bei den Getränken habe ich mich umgestellt. Tee trinke ich nur noch ungesüßt, die mittlerweile seltsam anmutende Liebe zur pappsüßen Sprite wurde durch eine viel intensivere Liebe zu stillem Wasser ersetzt (wofür ich übrigens viel Spott ernte, aber das ist ein eigenes Thema).

Und trotzdem genieße ich Essen und kasteie mich nicht. Wenn ich Lust auf Kuchen habe, esse ich ihn. Süßigkeiten? Klar, immer noch, nur nicht jeden Tag. Verzicht? Im Gegenteil. Wenn ich möchte, esse ich alles, worauf ich Lust habe. Das hat auch nichts mit sogenannten Cheat Days zu tun, ein ganz seltsames Phänomen übrigens. Es bedeutet viel mehr, bewusst zu essen, auf meinen Körper zu hören und auf das, was er braucht. Manchmal ist das halt eine große Tafel Schokolade, meistens aber gesunde Kost und nicht zu viel. Und wisst ihr was: Ich fühle mich gut dabei.

Was ich antworte, wenn mir mal wieder jemand sagt, dass ich es mir doch leisten könne? Ja, das stimmt. Weil ich es mir eben nicht jeden Tag leiste.

 

Fotocredit Titelbild: _Raimund Verspohl Portraits

Von Vorurteilen und Essgewohnheiten

Von Vorurteilen und Essgewohnheiten. Selbstportrait

„Nein danke, ich ernähre mich low carb“, sagt er und strahlt mich an. Ich versuche, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten, doch ich fürchte, sie sind bereits entgleist. Wortlos drehe ich mich um. Die Brezn in meiner Hand duftet verführerisch, ich beiße hinein.

„Hast du Ketchup für mich?“ Ich erstarre, der Schöpflöffel mit dem Ratatouille drauf droht meiner Hand zu entgleiten. Wir streiten.

„Käse mag ich nicht. Paprika und Auberginen auch nicht, keine Tomaten, Spinat geht gar nicht, und bleib mir bloß mit Zucchini weg.“ Schade, denke ich. Gerade fand ich dich noch echt süß.

„Ich mag die nicht.“ „Veganerin.“ „Ach, dann ist es ja kein Wunder“, antworte ich und lache.

„Ich esse nur Fleisch, kein Gemüse, kein Brot.“

„Den Burger bitte, aber ohne Brötchen, die passen nicht in meine Paleo-Ernährung.“

„Ich ernähre mich total ungesund und finde das gut.“

„Gibt es das auch ohne Oliven?“ „Nein.“

Hallo, mein Name ist Sabine, und ich habe Vorurteile. Jede Menge sogar. Vorurteile gegenüber Menschen, die sich anders ernähren, als ich es tue. Vorurteile gegenüber denjenigen, die einem Ernährungstrend folgen, der für mich abwegig ist. Low Carb, Vegan, Paleo. Vorurteile, für die ich mich schäme, die ich aber nicht ablegen kann.

Pastamaniac - Von Vorurteilen und Essgewohnheiten. Nackte Füße im Meer am Strand

Die Angst vor dem Fremden


In früheren Zeiten mögen Vorurteile einen Sinn ergeben haben: Fremde konnten Gefahr für Leib und Seele bedeuten, unbekannte Nahrung zu Vergiftungen führen, doch heute? Welchen Zweck erfüllen Vorurteile heute? Müssten wir nicht schon längst weiter sein? Forschungen zeigen, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Gut, dann bin ich also nicht alleine damit, das war mir aber schon klar.

Ist es also die Angst vor dem Fremden? Aber mir ist als Omnivore keine Ernährungsweise fremd: Ich esse bevorzugt vegetarisch, liebe jedoch auch Fleisch. Vegan, klar, oft essen wir sogar vegan, ohne uns dieser Tatsache überhaupt bewusst zu sein. Ungesund, gesund, low carb, high carb, mit, ohne – alles dabei in meiner Ernährung. Seit Kurzem esse ich sogar Fisch, zumindest im Sushi. Fremd sind mir die diversen Ernährungsweisen also nicht.

Ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl habe, dass andere Menschen es besser machen? Vielleicht. Doch nein, ich begrüße zwar den Verzicht auf tierische Produkte, bin der Meinung, wir sollten weniger davon zu uns nehmen, jedoch nicht komplett damit aufhören, und wenn wir es essen, dann soll das Fleisch aus artgerechter Tierhaltung stammen und möglichst regional sein.

Intoleranz? Also „die Haltung, dass man die anderen Meinungen und Lebensweisen anderer Menschen nicht gelten lässt“, wie der Duden es so schön definiert? Wirklich – jeder kann essen was und wie er möchte, auch wenn ich mich darüber lustig mache, und es in meinem Haushalt nie Ketchup zu Ratatouille geben wird.

Was ist es dann?

Es zählt der Umgang damit


Eine wichtige Lektion, die mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat: Vorurteile hat jeder. Es kommt darauf an, wie man mit ihnen umgeht. Heißt, lass deine Meinung über einen Menschen nicht von deinen Vorurteilen beeinflussen. Das ist es, was zählt. Daran versuche ich mich zu halten.

Eins habe ich selbst gelernt: Manchmal dienen Vorurteile auch einfach als Erklärung. Als Erklärung, wenn man etwas nicht erklären kann, aber doch einen Grund braucht. Wenn man jemanden nicht mag, zum Beispiel. Denn – das kommt halt vor – die Veganerin war mir schon unsympathisch, bevor ich etwas über ihre Ernährung wusste. Den Low Carb-Typen hätte ich auch mit einer Stulle in jeder Hand nicht interessanter gefunden, und der Käseverachter? Tja, der ist immer noch sehr süß.

 

Fotocredit Titelbild: _Raimund Verspohl Portraits

Von Sport und Kohlenhydraten

Pastamaniac - Foodiegeanken. Selbstportrait, gespiegelt vor einer Mauer

„Du machst bestimmt viel Sport, um die ganze Pasta wieder loszuwerden?“ Leicht irritiert gucke ich mein Gegenüber an. Ich bin auf einem Bloggertreffen. Genauer, auf einem Foodbloggertreffen. Heißt, die Anwesenden teilen zwei Leidenschaften: essen und bloggen. Nein, nicht einfach nur essen, wir teilen das Genießen. Denn essen kann jeder, genießen nicht. Foodblogger kennen die Freude an der Zubereitung, die meditative Wirkung des Kochens, die kindliche Faszination über einen aufgehenden Teig, die Begeisterung über ein gelungenes Backwerk, das Schlecken, das Probieren, das Testen. Kurz: die Lust am Essen.

Lieber hecheln wir dem perfekten Gericht hinterher als der perfekten Bikinifigur. Und jetzt das: „Du machst bestimmt viel Sport, um die ganze Pasta wieder loszuwerden“. Punkt. Kein Fragezeichen. Denn obwohl eine Frage vom Satzbau her ist es eine Feststellung, die mein Gegenüber ausspricht.

„Hast du mich gerade fett genannt?“


Ich könnte den Satz als Kompliment auffassen: „Wow, du bist trotz der ganzen Pasta ja echt schlank“. Ich könnte ihn als Beleidigung auffassen und vorsichtig meinen Bauch einziehen. Ich könnte aber auch einfach irritiert antworten, und genau das habe ich getan: „Äh, ja, ich mache Pilates, aber nicht wegen der Pasta. Und überhaupt, ich bin ja auch schon über 30, also macht das gar nichts mit der Pasta“. Und zack, bin ich drin in der Abwerhaltung.

Denn ja, ich mache Sport. Schon immer. Wenn man mal von einer sehr pubertären faulen Phase zwischen zwölf und 17 absieht. Basketball habe ich sehr lange gespielt. In der Zeit war ich auch regelmäßig laufen, und zwar immer locker über eine Stunde und länger. Yoga habe ich schon gemacht, mich einige Monate im Zumba gequält, Fitnesstraining getestet, Lauf- und Kondition, Tennis, Rückenschule, und was weiß ich nicht noch alles. An der Uni wurde sogar ein paar Mal vermutet, ich studiere Sport (ich lachte jedes Mal). Seit ein paar Jahren mache ich Pilates. Nicht wegen der Pasta, sondern weil es der für mich effizienteste Sport ist, weil Sport Spaß macht, und ja, auch aus gesundheitlichen Gründen, denn wer den ganzen Tag sitzt, braucht einen körperlichen Ausgleich.

Das geht mein Gegenüber aber alles gar nichts an. Und doch, Abwehrhaltung! Der Versuch, meine Highcarb-Ernährung zu verteidigen. Als richtig. Richtig für mich. Richtig für andere, die gerne Pasta und Brot essen. So wie ich halt.

Pastamaniac-Unsplash-Scott-Webb

Credit: Unsplash.com / Scott Webb

Mit dem Argument, schon über 30 zu sein, wehre ich die Frage ab. Denn ich befinde mich bereits in dem Lebensjahrzehnt, in dem der Stoffwechsel langsamer wird, wir also nicht mehr alles in uns reinfuttern können, aber Pasta geht natürlich trotzdem. Sieh her, ich gelte doch immer noch als schlank.

„Mein Körper will gefüttert werden“


„Das kommt dann, wenn du 40 bist.“ Wieder eine Behauptung. Dieses Mal auch vom Satzbau her.

Mein Gegenüber ist über 40. Es ist eine Frau. Ihre Figur entspricht dem aktuellen Schönheitsideal, und auch davon abgesehen ist sie wirklich hübsch und zudem gut angezogen. Wieder sitze ich irritiert da. Killerargument. Habe ich auch schon benutzt. „Komm erstmal in mein Alter, dann wirst du merken, dass ich Recht habe und du gerade Unsinn redest“. Tja. Wie soll man das auch widerlegen. Vielleicht bin ich mit 40 dicker als jetzt. Schließlich habe ich mit 20 auch eine Hosengröße weniger getragen als mit 30. Vielleicht trage ich aber auch immer noch dieselbe Kleidergröße, obwohl ich weiter Pasta esse. Und überhaupt: Was geht dich das eigentlich an?